Berufliche Integration bleibt eine Herausforderung

In der Gesellschaft überwiegen immer noch die Vorurteile gegenüber psychischen Problemen oder Störungen im Vergleich zu körperlichen Problemen. Das wirkt sich auf die Arbeitsmarktchancen der Betroffenen aus. Im Interview sprechen wir mit dem Integrationsexperten Niklas Bär über diese Problematik und darüber, wie berufliche Integration erfolgreich sein kann.

 

Herr Bär, was ist schwieriger: berufliche Reintegration, wenn eine Person noch eine Anstellung hat oder bereits via Massnahmen der IV in einer Institution wie der GEWA ist?

Normalerweise ist es einfacher, einen Job zu erhalten, als jemanden wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen, der schon desintegriert ist und länger nicht mehr gearbeitet hat. Dagegen spricht, dass bei einem psychisch auffälligen Mitarbeitenden oft nicht klar ist, ob und was er oder sie eigentlich hat – oder ob er einfach am Arbeitsplatz gemobbt wird. Hier ist es einfacher, wenn zum Beispiel die Invalidenversicherung ins Spiel kommt, ärztliche Unterlagen anfordern und Massnahmen anordnen kann. Dann ist die Ausgangslage anders. Mit einer vorliegenden Diagnose kann man in einem Programm viel besser herausfinden, welche Probleme eine psychisch angeschlagene Person hat und was ihr in dieser Situation hilft.

Was ist wichtig für einen Arbeitsplatzerhalt?

Der entscheidende Faktor ist die Zeit. Der Zeitpunkt der Intervention. Es wäre schön, wenn Arbeitgeber viel früher und öfter externe Hilfe anfordern würden. Nicht erst, wenn die Leute krankgeschrieben sind. Auch die behandelnden Ärzte sehen meist die Probleme kommen und könnten früher reagieren.

Welche Chancen bietet die berufliche Reintegration mit Hilfe der Invalidenversicherung?

Im Rahmen einer Eingliederungsmassnahme der IV kann die Ausgangslage genau abgeklärt werden. Welche psychischen Beeinträchtigungen hat jemand? Welche Arbeitsplatzanpassungen braucht es, damit ein Mensch etwas leisten kann? Diese Fragen müssen beantwortet werden. Man muss ein Paket von Massnahmen schnüren, welches sich für alle Beteiligten auszahlt. In der GEWA beispielsweise gibt ein erfolgreiches Belastungs- und Aufbautraining Aufschluss darüber, wo eine Person bezüglich Arbeitsfähigkeit steht und was es noch braucht, damit sie den Schritt zurück in die Arbeitswelt wagen kann. Eine weitere Massnahme ist der sogenannte Arbeitsversuch mit Job-Coaching. Hier hat der Arbeitgeber die Möglichkeit, neue Mitarbeitende und ihre Arbeitsweise, Fähigkeiten und Motivation eingehend kennen zu lernen und zu testen, bevor er sich für eine Festanstellung entscheidet. Und dies ohne finanzielles und rechtliches Risiko.

Aber, dann kommt irgendwann die Frage: wollen wir den jetzt fest anstellen? Und allzu oft lautet die Antwort halt dann trotzdem nein und die Person steht wieder auf der Strasse

Ja, da haben Sie recht. Trotzdem macht es sicher Sinn, wenn eine Person nach einem Arbeitsversuch wieder einmal eine Referenz bekommt. Aber, vielleicht bräuchte es auch mehr finanzielle Anreize für Reha-Einrichtungen.

Was meinen Sie finanziellen Anreizen?

Damit meine ich, dass die IV eine Art Erfolgsprämie ausbezahlen würde, wenn eine Arbeitsintegration wirklich gelingt. Sprich: wenn eine psychisch beeinträchtigte Person nach Eingliederungsmassnahmen der IV wieder eine feste Stelle im 1.Arbeitsmarkt hat und ihre materielle Existenz selbständig finanzieren könnte.

Was braucht es, damit dies gelingen könnte?

Einerseits müssten mehr Arbeitgeber Hand bieten, psychisch kranke Menschen anzustellen. Hier gibt es noch nach wie vor grosse Berührungsängste zu überwinden. Sonst stossen auch Integrationseinrichtungen und die IV an ihre Grenzen. Andererseits müssten Institutionen mit Angeboten zur beruflichen Integration von Menschen mit psychischem Handicap noch verstärkter mit der Privatwirtschaft zusammenarbeiten. Wichtig wäre auch, wenn Personen in Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung von Anfang an im 1. Arbeitsmarkt platziert würden. Belastungs- und Aufbautrainings müssen nicht per se in einem geschützten Rahmen stattfinden.

Mit welchen Erkrankungen haben sie es in ihrer Arbeit am häufigsten zu tun?

Mit Persönlichkeitsstörungen oder auffälligen Persönlichkeiten. 80 % der Menschen, die bei uns auftreten bzw. Probleme am Arbeitsplatz haben, sind Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung. Für Arbeitgeber und Versicherer sind dies komplexe Fälle. Es sind Personen u.a. mit Beziehungsschwierigkeiten. Und dies schafft Probleme am Arbeitsplatz. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung können auch noch andere Beeinträchtigungen haben, wie beispielsweise Burnout oder Depressionen. Diese zeigen sich vor allem als Krise in zugespitzten Situationen, sind aber meist nicht das zentrale Problem für den Arbeitsplatzerhalt.

Was braucht es, damit eine Integration erfolgreich sein kann?

Wichtig ist, dass jeder Klient und jede Klientin individuell trainiert wird. Integrationseinrichtungen müssen herausfinden oder sich informieren, welche spezifischen Arbeitsplatzanpassungen oder welches Training jemand braucht, damit er oder sie besser funktionieren und etwas leisten kann. Diese Ergebnisse müssten nach Eingliederungsmassnahmen vorliegen, damit der Schritt in den 1. Arbeitsmarkt gelingen kann. Integrationsprogramme könnten noch viel spezifischer und individueller werden als sie es heute sind.

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Niklas Baer leitet das Kompetenzzentrum WorkMed der Psychiatrie Baselland. Der Psychologe engagiert sich seit vielen Jahren praktisch und in der Forschung im Bereich psychische Krankheit und Beschäftigung und gilt international als Experte. WorkMed ist Anlaufstelle für Arbeitgeber, Versicherungen und Behörden, Ärzte, Fachpersonen und psychisch kranke Arbeitnehmende. Die Institution ist in der Forschung, Schulung und Beratung tätig. Ziel und Zweck von WorkMed ist der Arbeitsplatzerhalt und die Reintegration von psychisch kranken Menschen.

Informationen über die Angebote zur beruflichen Integration in der GEWA finden Sie hier.

Erfolgsbeispiele aus der GEWA

Medienbeiträge zum Thema

«Lebenslange Entwicklung von Arbeitsfähigkeit»
Keynote-Referat PSY-Kongress 2019 von Dr. phil. Niklas Baer

Nur jeder vierte psychisch Kranke schafft Ausstieg aus IV
Tagesanzeiger vom 7. März 2019