Oktober 2014

«Der Selbstwert ist mir heilig»

Modebewusst gekleidet, selbstbewusst, mit einem charmanten Lächeln sitzt der 45-jährige gebürtige Italiener da und erzählt: «Der Selbstwert ist mir heilig. Ihn gilt es zu schützen, denn die Verkaufsbranche ist gnadenlos.» 2006 tritt er eine Stelle in der Uhrenindustrie an und ist vier Jahre später internationaler Verkaufsleiter: «Ganz oben zu stehen, ist ein endlos gutes Gefühl. Gleichzeitig musste ich aber einem fast unerträglichen Druck standhalten. In diesem Business herrscht ein ständiger Verdrängungskampf. Jeder schaut für sich, und am Ende des Tages zählt nur der Verkaufsumsatz – die Bedürfnisse der Verkäufer bleiben oft auf der Strecke.»

In der Zerreissprobe

2008 wird Marco Turro während der Arbeit Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls. Er kommt zwar glimpflich davon, dennoch sitzt die Angst sehr tief.

In seiner Firma wird das Ereignis verharmlost – solche Risiken gehören in der Uhrenindustrie halt dazu. Als gut ein Jahr später seine Ehe nach 23 Jahren in die Brüche geht, verliert Marco Turro sämtlichen Halt und als Konsequenz davon kurze Zeit später auch seinen Job: «Mein Selbstvertrauen war am Boden. Alles, was mir Sinn und Kraft gegeben hatte, war auf einen Schlag weg.» In dieser Zerreissprobe entscheidet sich Turro bewusst gegen den Suizid und sucht professionelle Hilfe.

Zurück im Leben

Nach drei Monaten Therapie und einem Arbeitstraining in der GEWA wagt er im Februar 2012 als Verkäufer von professioneller Haarkosmetik einen Neuanfang: «Verkaufen ist nach wie vor meine grosse Leidenschaft. Weshalb sollte ich also etwas anderes tun?» Marco Turro ist heute wie damals einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt. Zweimal wöchentlich werden seine Verkaufsergebnisse mit den Leistungen der anderen Verkäufer in einem Ranking verglichen. Zudem werden die Verkäufer mit verlockenden Monats und Quartalsboni zu Höchstleistungen angespornt:

«Wenn dir Ende Quartal eine hohe vierstellige Summe oder mehr zulacht, dann kannst du das nicht einfach so ausblenden. Und schon bist du im Teufelskreis gefangen – besonders dann, wenn du ganz nah am bonusrelevanten Ziel dran bist.»

Süchtig nach Anerkennung

Nicht nur das Geld, auch Lob und Ansehen seien für die Verkäufer eine Art Droge: «Gefährlich wird es dann, wenn man sich allein auf die Anerkennung vom Chef stützt, die stark von seiner Laune und vom Geschäftsergebnis abhängig ist.» Darum sei es sehr wichtig, meint Turro, sich den Beifall auch anderswo zu holen: zum Beispiel bei sich selbst, indem man die eigene Leistung wertschätzt, ob sie nun rekordverdächtig ist oder der eigene Name mal ganz unten auf der Liste steht.

Die Lektion seines Lebens

Heute, sechs Jahre nach dem Raubüberfall, zieht Marco Turro trotz allem eine positive Bilanz: «In meinen dunkelsten Tagen habe ich eines gelernt: bewusst zu leben», erzählt Turro. Er lasse sich nicht mehr fernsteuern von Menschen oder Materie. Stattdessen setze er heute neben der Arbeit bewusster auch auf andere Werte, wie Familie, Freunde und Hobbys: «Auf mehreren Säulen abgestützt bin ich für stürmische Zeiten besser gewappnet.»

Marco Turro: «Ganz oben zu stehen, ist ein endlos gutes Gefühl. Gleichzeitig musste ich aber einem fast unerträglichen Druck standhalten.»
Marco Turro: «Ganz oben zu stehen, ist ein endlos gutes Gefühl. Gleichzeitig musste ich aber einem fast unerträglichen Druck standhalten.»
empty