Oktober 2013

«Heute bin ich reicher»

Ich war am Ende. Die Frage nach dem Warum und die Aggression gegen mich selber wuchsen ins Grenzenlose. Ich fühlte mich nutzlos, eingeschlossen und auf Schritt und Tritt beobachtet. Das Einzige, was mir noch blieb, waren drei Bananenkisten mit persönlichen Gegenständen, die mir meine Frau in die Klinik vorbeigebracht hatte.

Wie konnte ich so tief fallen? Noch vor einigen Monaten schien es, als wäre mein Leben perfekt. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen und meine Visionen verwirklichen. Ich hatte mein eigenes einträgliches Geschäft, ein Gartenbauunternehmen mit einer Baumschule. Ob Bonsai oder ausgewachsener Baum – ich wollte die Bäume verstehen. Mit meinem grossen Fachwissen war ich schweizweit als Kursleiter und Dozent für Bonsaipflege gefragt und konnte andere Menschen mit der Faszination Baum begeistern. Ich gründete einen Bonsai-Club, der innerhalb von sechs Monaten über 150 Mitglieder hatte. Meine Aufgabe wollte ich möglichst gut machen. Jeder Kunde und jeder Kursteilnehmer war mir wichtig. Mit der Zeit stiess ich aber an meine Grenzen, ich wollte niemanden enttäuschen und für alle da sein. Ich begann anderen mehr Zeit zu geben als meiner Familie. Die Familie, so war meine Einstellung, ist ja immer da und hat sicher Verständnis, wenn ich viel zu tun habe und für meine Kunden mein Bestes gebe. Ich fühlte mich gehetzt und gestresst, meine eigenen Bedürfnisse vernachlässigte ich.

Der Fall in die Tiefe

Dann kam der Knall: Bei einem Unfall zertrümmerte eine Baggerschaufel mein rechtes Bein, ein Pickel durchstach mein Knie. Arbeiten konnte ich während zehn Monaten nicht mehr. Nicht einmal durch meine Baumschule durfte ich laufen, ich musste mich zu Hause still halten. Das Schlimmste kam, als ich merkte, dass mein Unternehmen langsam aber sicher immer grössere Verluste schrieb. Durch die Verluste stieg der psychische Druck auf ein unerträgliches Niveau. Ich war gefrustet, lag im Bett und wollte niemanden mehr sehen. In erster Linie war ich unzufrieden mit mir selber. Leider habe ich diese Unzufriedenheit aber auch häufig an meinen Nächsten, der eigenen Familie, ausgelassen. Ich habe mich nur noch als Belastung gesehen, weil ich wusste, dass ich den anderen wehtat. Als ich verstärkt Suizidgedanken hatte, zog meine Frau die Notbremse. Ich wurde in die geschlossene Anstalt eingeliefert. Ich war nicht mehr derselbe, meine Familie kannte mich nicht mehr und entfernte sich von mir. Totale Hoffnungslosigkeit machte sich in mir breit. Ich fühlte mich betrogen. Hatte ich mich doch für andere aufgeopfert und jetzt, als es mir schlecht ging, war niemand mehr da. Ich war misstrauisch und wollte mit niemandem mehr Kontakt. In der Klinik sagte mir ein alter Mann: «Denke daran, manchmal muss man alles verlieren, um wieder neu gewinnen zu können.» Ich wurde wütend, am liebsten hätte ich ihn für diesen Rat auf den Mond geschossen. Was sollte jemand wie ich noch zu gewinnen haben?

Ein neuer Reichtum

Heute habe ich tatsächlich gewonnen. Ich bin wieder glücklich verheiratet und zu meinen beiden mittlerweile erwachsenen Töchtern habe ich ein tiefes und vertrauensvolles Verhältnis. Ich darf ihnen wieder der Vater sein, der ich sein möchte. Ich habe neue Rollen und Talente an mir entdeckt und in der GEWA auch beruflich wieder Perspektiven gewonnen. Ich darf Verantwortung übernehmen und erfahre viel Wertschätzung. Auch wenn ich heute finanziell nicht auf Rosen gebettet bin, fühle ich mich reich. Ich habe nicht mehr so viel Geld wie früher und kann meine Besucher nicht mit einer Villa beeindrucken. Meine Villa ist in meinem Herzen. Es ist ein unglaubliches Vorrecht, dass ich mich heute an den kleinen Dingen im Leben derart freuen kann, dass ich einfach glücklich sein darf. Wenn ich mit meinem Hund Glenda im Wald spazieren gehe und die Vögel zwitschern höre oder in meinem Garten vor dem Haus stehe und in die Weite schaue, bin ich von tiefer Dankbarkeit erfüllt und denke für mich: Was will ich mehr?

Deshalb möchte ich mit meinen Erfahrungen Menschen in psychisch herausfordernden Situationen Mut machen, nach einer hoffnungslosen Situation wieder Wurzeln zu bilden. Wurzeln, die ihre Energie nicht aus Status und Leistung ziehen. Denn ich bin überzeugt, dass der wahre Reichtum des Lebens darin besteht, dass man sich an Dingen wie der Schöpfung und Beziehungen zu anderen Menschen erfreuen kann.

Das Schönste ist, dass diese Werte nicht mit Geld gekauft werden können, sie sind ein Geschenk.

André Känel: «Auch wenn ich heute finanziell nicht auf Rosen gebettet bin, fühle ich mich reich.»
André Känel: «Auch wenn ich heute finanziell nicht auf Rosen gebettet bin, fühle ich mich reich.»
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