Leben und leben lassen

Ich bin als jüngstes von vier Kindern in Reutigen im Berner Oberland aufgewachsen. Meine Mutter war bereits 41 Jahre alt, als ich auf die Welt kam. Mit drei Jahren verlor ich meinen Vater. Der Altersunterschied zwischen meinen Geschwistern und mir ist sehr gross. 18 Jahre zu meiner ältesten Schwester und 15 Jahre zu meinem jüngsten Bruder.

In der Schule wollten mich die Lehrer zeitweilig in eine Kleinklasse einteilen, weil ich Symptome von ADHS / POS[1] zeigte. Ich blieb aber trotzdem in der Regelklasse. Als es um die Berufswahl ging, empfahl die Berufsberatung eine Anlehre. Damit gab ich mich jedoch nicht zufrieden. Ich wollte eine richtige Lehre machen und setzte mich mit diesem Wunsch auch durch. In der damaligen reformierten Heimstätte Gwatt bei Thun (heute heisst die Anlage Deltapark) fand ich schliesslich eine Lehrstelle für die Ausbildung zur Köchin. Ich konnte die dreijährige Kochlehre erfolgreich mit dem eidgenössischem Fähigkeitszeugnis abschliessen.

Wanderjahre

Nach Lehrabschluss durfte ich noch ein halbes Jahr im Gwatt-Zentrum bleiben. Danach fingen meine «Wanderjahre» an. Erste Station war das Berghotel Schatzalp oberhalb von Davos. Für eine Wintersaison war ich dort als Commis Pâtissier[2] angestellt. Ich genoss diese Zeit. In der Zimmerstunde ging ich jeweils mit meiner Chefin auf die Skier. Wir waren auch in das World Economic Forum involviert und hatten viele WEF-Gäste bei uns. Eine Sommersaison war ich im Grandhotel Giessbach tätig. Es folgten viele weitere Berufsstationen. Sei es nur für eine Saison oder auch länger. In der Klinik Beau-Site in Bern machte ich in den Jahren 1992 und 1993 die Zusatzausbildung zur Diätköchin. Eine mehrjährige Anstellung hatte ich im Wohn- und Pflegeheim St. Niklaus in Koppigen, dort blieb ich 6 ½ Jahre.

Mit 44 Jahren bekam ich plötzlich die Diagnose Brustkrebs. Das war ein Schock für mich. Ich musste mich bei der Invalidenversicherung anmelden. Diese ordnete verschiedene Abklärungen an, um meine Chancen und Möglichkeiten für die berufliche Wiedereingliederung zu überprüfen. Im 2013 sprach mir die IV eine ¾ Rente zu. Heute habe ich mein Krebsleiden überstanden, muss jedoch immer noch Medikamente nehmen und zur Kontrolle gehen.

Ich wollte auch mit einer Rente weiter arbeiten. Also begab ich mich auf die Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung, in der ich meine Berufskenntnisse anwenden kann. Und so kam ich im 2014 in die GEWA. Ich absolvierte einen Schnuppereinsatz im Restaurant Esperanza in Zollikofen und konnte dort bald darauf als Köchin an einem angepassten Arbeitsplatz anfangen.

Gibt nicht auf

Mit meiner Arbeitssituation bin ich im Moment sehr zufrieden. Ich arbeite heute zu 80% für das externe Personalrestaurant der Marti Gruppe in Moosseedorf. Ich werde auch für Catering Anlässe gebucht. Das mache ich auch sehr gerne. Diese Anlässe finden im Aliento, im Esperanza, in der Brocki oder extern statt.

Mein Ziel ist es immer noch, dereinst im freien Arbeitsmarkt wieder eine Teilzeitanstellung zu finden. Leider ist dies bis heute noch nicht eingetreten. Aber, ich gebe nicht auf und überprüfe regelmässig die Jobangebote.

Grosse Lebensträume habe ich nicht. Ich bin ein positiv denkender Mensch und will aus dem, was ich habe und kann, das Beste machen. Meinen Alltag organisiere ich nach der Devise leben und leben lassen. Das funktioniert für mich gut.

 

[1] Das ADHS oder Attention Deficit and Hyperactivity Syndrom beschreibt ein Krankheitsbild, das sich meist im Kleinkindesalter erstmals manifestiert. Es ist durch verschiedene Symptome der Unaufmerksamkeit wie Sprunghaftigkeit, mangelnde Ausdauer oder Ablenkbarkeit und durch Hyperaktivität und Impulsivität charakterisiert.

[2] Die deutsche Übersetzung lautet: Jungkoch/Jungköchin im Bereich Süssspeisen und Backwaren.

 

Ruth Zimmermann (50): liebt ihren Beruf als Köchin
Ruth Zimmermann (50): liebt ihren Beruf als Köchin
empty