Sucht und IV-Rente

Bundesgericht ändert seine Praxis

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Die bisherige Rechtsprechung des Bundesgerichts ging davon aus, dass eine Suchterkrankung und eine daraus hervorgehende Arbeitsunfähigkeit selbstverschuldet sei und sich daraus prinzipiell keinen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung ableiten lasse. Von dieser Praxis hat sich das höchste Gericht der Schweiz nun verabschiedet. Neu anerkennen die Richter, dass eine Sucht eine Krankheit sein kann und deshalb im Einzelfall der Anspruch auf eine IV-Rente geprüft werden muss. Dabei stützt sich das Urteil auch auf medizinische Erkenntnisse, welche eine Suchterkrankung schon seit langem als ein krankheitswertiges Geschehen einstufen. Der wegweisende Entscheid des Bundesgerichts trägt dazu bei, dass Menschen mit einer Suchterkrankung nicht diskrimiert und benachteiligt werden. Sie werden künftig nicht anders behandelt, als Personen mit einer anderen psychischen oder physischen Erkrankung.

Medienmitteilung des Bundesgerichts, IV-Rente bei Suchterkrankung

(bger.ch, 5. August 2019)

(Quelle: NZZ vom 5. August 2019)


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Michael Schranz, Leiter Berufliche Integration Service und Verkauf der GEWA

Kommentar zur Praxisänderung des Bundesgerichts

Ist Sucht eine Krankheit oder nicht? Jeder Mensch und jede Situation ist einzigartig. Darum ist ein Pauschalurteil schwierig. Dem trägt die neue Rechtsprechung Rechnung. Jeder Fall wird individuell beurteilt. Ein gutes Argument für die neue Anwendungspraxis ist aus meiner Sicht, dass Menschen mit Suchterkrankung dadurch eine bessere Chance auf eine berufliche Integration erhalten. Im Bundesgerichtsurteil wird die medizinische Sichtweise, dass Sucht ein krankheitswertiges Geschehen ist, übernommen, und es wird gesagt, dass sich insofern die gleiche Sichtweise aufdränge wie bei anderen psychischen Störungen. Bei diesen muss im Einzelfall geprüft werden, ob die Person trotz des Leidens ganz oder teilweise einer (angepassten) Arbeit nachgehen kann. Mit dem Wort anderen wird eine Suchterkrankung also zumindest vom Vorgehen und von der Beurteilung her einer psychischen Erkrankung gleichgestellt.

Wir sind fachlich und strukturell gut aufgestellt, um für die IV abzuklären, ob eine Person mit Suchterkrankung (teil-) eingliederungsfähig ist oder nicht. Wenn wir Menschen mit einer Suchterkrankung in ihrer beruflichen Wiedereingliederung unterstützen können, machen wir das gerne.

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