01. Dezember 2025
Neue Zuversicht dank gezielter Förderung
Sina lebt mit Epilepsie und liess sich dennoch nicht entmutigen. Dank eines angepassten Arbeitsplatzes bei der GEWA und der durch den Förderverein ermöglichten myPeer-Ausbildung fand sie neue Stabilität und eine sinnstiftende Aufgabe. Ihre Geschichte zeigt, wie gezielte Förderung Zuversicht schafft und Entwicklung ermöglicht.
Die Begegnungen mit Sina auf dem Flur sind immer aufgeweckt und fröhlich. Sie spricht gerne, aber nie, um Raum zu füllen – eher, um Verbindung zu schaffen. Freude bedeutet für sie Bewegung und Ausdruck: tanzen, malen, zeichnen und Zeiten mit ihrem Partner oder der Familie.
Eine unbeschwerte Kindheit bis zu den ersten Anzeichen
Sina wuchs in Reichenbach im Kandertal auf. Inmitten von Natur verbrachte sie eine unbeschwerte Kindheit. Bis sie mit zwölf Jahren begann, ihren Körper anders wahrzunehmen. Zuerst waren es kleine Irritationen: Dinge, die aus den Händen glitten, Absenzen von zwei, drei Sekunden, die niemand so richtig einordnen konnte. Sie selbst wusste nicht, wie sie erklären sollte, was sie nicht verstand. Als sie einmal mitten im Schwung von einer Schaukel fiel, oder in der Küche vom Stimmengewirr so überfordert war, dass ihr das Besteck aus den Händen rutschte, glaubte ihre Mutter noch an Unkonzentriertheit. Erst später wurde klar, dass Sinas Körper längst versucht hatte, auf etwas Unsichtbares aufmerksam zu machen.
Der Moment, der alles veränderte
Der erste grosse Anfall kam im Handarbeitsunterricht. Der Dorfarzt erkannte sofort, dass es Epilepsie war. Für Sina war die Diagnose wie ein plötzlicher Bruch. Während andere begannen, erwachsen zu werden, lernte sie, ihrem Körper zu misstrauen. Sie entwickelte Scham, Angst, die ständige Anspannung, jederzeit von sich selbst überrascht zu werden. Je angespannter sie war, desto heftiger die Anfälle. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, wurde zu ihrem grössten Gegner. «Ich glaube, ich habe nie richtig pubertiert», sagt sie und lacht. «Ich hatte keine Kraft für Drama.»
Familie als fester Halt
Die Mutter ermutigte Sina mit ihrem unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft immer wieder, nicht aufzugeben.
Der Vater, pragmatisch und beschützend, unterstützte sie, wo er nur konnte: Er trug sie nach ihren Anfällen ins Bett, erklärte ihr behutsam, was geschehen war, und wich ihr nicht von der Seite.
Für beide war es in diesen stillen Momenten schwer auszuhalten, nichts gegen die Situation tun zu können.
Die Schwester schenkte ihr oft schöne Gespräche und viel Verständnis. Sie half ihr, die Lage nicht nur als Leid, sondern auch als Lernfeld des Lebens zu sehen. «Ohne meine Familie hätte ich es nicht geschafft mein Lächeln zu behalten», davon ist Sina überzeugt.
Der Versuch, nicht aufzugeben
Als Sina fünfzehn war, erhielt sie von der IV die Aussage, dass man nicht davon ausgehe, dass sie je eine Ausbildung machen könne. Das wollte Sina so nicht akzeptieren. Nicht ohne es versuchen zu dürfen. Sie entschied sich gegen die Begleitung durch die IV.
Nach Abschluss der Schule sagte sie zu ihrer Mutter, sie wolle weg. Weg von all den Ratschlägen, von den gut gemeinten Blicken, die manchmal schwerer wogen als Worte. Neuseeland wurde zum Ziel, einfach weil es der entfernteste Ort war, der ihr in den Sinn kam. Ein halbes Jahr lang reisten die beiden durch das Land, arbeiteten für Kost und Logis. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie nicht als „die mit der Epilepsie“ wahrgenommen wurde. Diese Zeit war sehr lehrreich und wohltuend. «Ich bin meiner Familie sehr dankbar, dass sie mir das ermöglicht haben», sagt Sina.
Schritt für Schritt ins Berufsleben
Zurück in der Schweiz wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte. Ihre Mutter vermittelte ihr ein Praktikum in einem Altersheim. Sina blühte dort auf. Der Umgang mit den Menschen fühlte sich richtig an, das Team trug sie. Doch ihr Weg verlief alles andere als gerade. Sie begann eine Coiffeuse-Lehre, brach sie nach sechs Wochen ab. Die Kunstschule in Olten brachte ihr Freude und Ausdruck, aber gesundheitlich war es ein anstrengendes Jahr.
Schliesslich begann sie die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit, und zum ersten Mal schien alles zusammenzupassen. Sina hatte Freude an ihrer Arbeit, fehlte jedoch wegen ihrer Krankheit immer wieder. Ihr erster Ausbildungsbetrieb zweifelte deshalb daran, dass sie den Abschluss schaffen würde – für sie keine Option, also suchte sie einen neuen Platz. Der Wechsel in eine Klinik statt ein Altersheim bedeutete ein zusätzliches Ausbildungsjahr, doch auch dort kam es krankheits- und stressbedingt zu vielen Absenzen. Nach einer Verwarnung erkrankte sie an Masern und fiel drei Wochen aus, worauf das Lehrverhältnis aufgelöst wurde.
Ein hart erkämpfter Abschluss
Trotzdem wollte sie die Lehre unbedingt abschliessen. Gemeinsam mit ihrer Berufsschullehrerin fand sie einen neuen Betrieb und konnte ihre Ausbildung schlussendlich erfolgreich beenden. Heute ist sie sehr stolz auf ihr hart erkämpftes Fähigkeitszeugnis – trotz aller Rückschläge und gut gemeinter Ratschläge, aufzugeben.
Die Krankheit blieb präsent. Als die örtlichen Fachärzte nicht mehr weiterwussten, wurde Sina zur Spezialklinik in Tschugg überwiesen. Dort wurden Anfälle bewusst provoziert, um die Ursache zu finden. Die Abklärungen waren für sie eine grosse psychische Belastung, da jederzeit ein Anfall auftreten konnte. Ein Ursprung wurde jedoch nicht gefunden, weshalb man auf ein sehr starkes Medikament setzte.
Ein Körper, der Grenzen setzt
Zurück im Berufsalltag merkte sie, dass ihre Hände beim Richten von Medikamenten zitterten. Plötzlich stand nicht nur ihr Job, sondern die Sicherheit anderer auf dem Spiel. Sie musste sich eingestehen, dass es so nicht weiterging.
Es war einer der schwereren Entscheidungen in ihrem Leben, sich wieder an die IV zu wenden. Die IV unterstützte sie bei der beruflichen Neuorientierung. Bei der GEWA entdeckte sie die Ausbildung als Interactive Media Designerin. Sie begann mit einem Pensum von fünfzig Prozent und steigerte es in drei Monaten auf achtzig Prozent, um starten zu können. Ein halbes Jahr lang funktionierte es, dann kamen Rückfälle, Anfälle, Absenzen. Der Lehrvertrag wurde aufgelöst. Nicht, weil sie nicht wollte, sondern weil ihr Körper nicht mitmachte. «Es lag nicht an meiner Intelligenz oder meinem Fleiss», sagt sie. «Das war das Schwierige.»
Eine neue Perspektive
Doch erneut öffnete sich eine Tür. Ihre Teamleiterin setzte sich für sie ein. Sina blieb in der Abteilung Digihub, als erste Mitarbeiterin mit angepasstem Arbeitsplatz. Heute arbeitet sie dreissig Prozent, fühlt sich zugehörig, verstanden, nicht reduziert auf ihre Krankheit. Sie sagt: «Ich wünsche mir, nicht aufgrund der Epilepsie in Erinnerung zu bleiben, sondern wegen all der anderen Eigenschaften, die mich ausmachen.»
Ihre täglichen Herausforderungen sind unsichtbar. Stress verstärkt Symptome. An manchen Tagen ist schon der Weg aus dem Haus eine Hürde. Wenn ihre Hände kribbeln oder die Konzentration bereits am Morgen schwierig ist, dann versucht sie es mit einem späteren Arbeitsstart. Die GEWA macht das möglich und sie vermeidet so Absenzen.
Über sich hinauswachsen
Dank dem Förderverein der GEWA konnte Sina eine Coachingausbildung bei myPeer absolvieren. Mit ihrem aktuellen Einkommen wäre eine Finanzierung nicht denkbar gewesen.
Diese Ausbildung hat ihr eine weitere Türe geöffnet. «Ich freue mich, Menschen auf ihrem Weg zu ermutigen und mit Ihnen ein Stück ihres Weges mitzugehen». Sina hat erfahren, wie wertvoll es ist, wenn man ermutigenden Vorbildern begegnen darf und dadurch Hoffnung und Motivation für seinen eigenen Weg findet.
Wünsche, die vom Leben erzählen
Wenn man sie nach Wünschen fragt, lacht sie. Zu Weihnachten hätte sie gern einen Luftbefeuchter oder Malsachen – kleine Dinge, die gross wirken. Und wenn sie einen einzigen Wunsch frei hätte, würde sie sich nicht die Krankheit wegwünschen. Sie glaubt, dass sie ohne sie nicht dieselbe Person wäre. Aber sie träumt davon, eines Tages den Führerschein zu machen, für Auto und Motorrad. Momentan ist das aus gesundheitlichen Gründen noch nicht möglich. Sina ist aber optimistisch, dass sie dieses Stück Freiheit einmal geniessen darf.