„Sinn, Wertschätzung und Wirkung“ - Nachhaltigkeit im Gespräch mit Markus Badertscher

Was bedeutet Nachhaltigkeit, wenn sie nicht nur die Umwelt, sondern auch Mensch und Wirtschaft betrifft? Markus Badertscher, Abteilungsleiter Nachhaltigkeit bei der GEWA, gibt im Interview Einblick in seine Arbeit. Er zeigt, wie soziale, ökologische und wirtschaftliche Verantwortung im Thema konkret umgesetzt wird und welche Wünsche er für die Zukunft der Nachhaltigkeit hat.

Portrait Markus Badertscher
Portrait Markus Badertscher

Du hast viele Jahre in der Privatwirtschaft gearbeitet und bist heute bei der GEWA tätig. Was hat dich persönlich dazu bewegt, diesen Weg einzuschlagen?

Idealismus, Sinnhaftigkeit und Wertschätzung. Drei Werte, denen ich gerne folge, und die für mich persönlich im Arbeitsumfeld wichtig sind. Ich war 24 Jahre in der Swisscom in verschiedenen Bereichen tätig, ein cooles Unternehmen, wo ich viel mitnehmen konnte. Nach den 24 Jahren hatte ich einen gut gefüllten Rucksack mit Erfahrung aus verschiedenen Bereichen. Schon vorher hatte ich lange das Bedürfnis, eines Tages näher beim Menschen zu arbeiten und weniger für die Aktionäre.

Somit wechselte ich vor acht Jahren in den sozialen Bereich, was ich nie bereute. Ich wollte etwas zurückgeben. Ausserdem liegen mir die oben genannten Werte sehr am Herzen. Diese Werte nicht nur zu erfahren, sondern sie auch weiterzugeben, ist für mich wichtig. Ebenso wichtig ist es, in einem Umfeld tätig zu sein, in dem genau diese Werte gelebt werden.

 

Nachhaltigkeit bedeutet bei der GEWA nicht nur Umwelt, sondern auch soziale und wirtschaftliche Verantwortung. Wie wird dieser Gedanke konkret gelebt?

Nachhaltigkeit verkörpert eine Haltung, die man unterschiedlich bespielen kann. Letztes Jahr erhielten wir von der Geschäftsleitung die Freigabe für eine Nachhaltigkeitsstrategie. Weil das Thema so umfassend ist, dass es sich nahezu unbegrenzt vertiefen und erweitern lässt, haben wir uns auf 18 konkrete Ziele konzentriert.

Diese umfassen die Bereiche Soziales, Ökonomie und Ökologie. Die meisten Ziele stammen aus dem sozialen Bereich, weil wir ein Sozialunternehmen sind. Uns ist es wichtig, einen guten Arbeitsplatz für alle zu schaffen – für Fachangestellte genauso wie für Menschen an angepassten Arbeitsplätzen. Dazu gehören auch Themen wie Diversity, Gleichberechtigung und faire Rahmenbedingungen. Im ökologischen Bereich beschäftigen wir uns mit Energie, Beschaffung und Umweltfragen. In Schönbühl und Zollikofen wurden PV-Anlagen installiert, damit wir grünen Strom nutzen können. Gleichzeitig achten wir darauf, welche Energieprodukte wir einkaufen. Auch die Ökonomie ist für uns zentral. Wir überlegen laufend, welche neuen Geschäftsmodelle möglich sind, wie sich der Markt entwickelt und welche Angebote wir in Zukunft brauchen werden.

EcoVadis, weltweit führender Anbieter von Nachhaltigkeitsratings, zeichnete uns dieses Jahr mit einer Silbermedaille und einem Score von 73/100 aus. Dies zeigt, wir sind auf dem richtigen Weg, Potential haben wir insbesondere noch in der nachhaltigen Beschaffung.

 

Du hast in einem Podcast gesagt, dass früher vieles repariert, statt weggeworfen wurde. Glaubst du, dass wir als Gesellschaft den Bezug dazu etwas verloren haben?

Unser Wohlstand trägt einen wesentlichen Anteil daran, warum der Overshoot Day in der Schweiz so früh im Jahr erreicht wird. Wir haben nur eine Erde und eine Verantwortung, wie wir diese unseren Kindern zurücklassen. 

Wenn ich in die Ferien gehe und nach Hause komme, stelle ich fest, wie viele Gegenstände ich besitze, die ich vielleicht nur ein- oder zweimal im Jahr brauche. Wenn ich reduzieren würde auf das, was ich wirklich brauche, um glücklich zu sein, sähe vieles anders aus. 
Ein neues Auto macht vielleicht kurz glücklich, aber irgendwann auch nicht mehr. Und wenn ich sehe, dass dieses Auto die meiste Zeit auf dem Parkplatz steht, dann beginnt der Gedankengang: Wie könnte ich das künftig anders lösen? Schon wenn mehr Menschen sich diese Frage stellen würden, wäre viel gewonnen. Würde man von Anfang an mehr teilen und weniger besitzen müssen, wäre das ein wichtiger erster Schritt. 

 

Gerade in der Gastronomie entstehen schnell Themen wie Food Waste oder Ressourcenverbrauch. Wie versucht die GEWA hier nachhaltig zu arbeiten?

Die Gastronomie geht heute bereits einen bemerkenswerten Weg mit Regionalität, Saisonalität, Fair-Trade-Anforderungen und der Reduktion des CO2-Fussabdruckes.

Der Vermeidung von Lebensmittelabfällen wird aktuell besondere Beachtung geschenkt. Mittels Waagen mit KI-Unterstützung werden zurückgelieferte Speisereste analysiert. So können wir erkennen, welche Lebensmittel häufig übrigbleiben und unsere Angebote zusammen mit z.B. den Kitas entsprechend optimieren.

Zudem sollte man sich immer die Frage stellen, welche Lebensmittel wann Sinn ergeben. Braucht es Erdbeeren im Dezember? Oder sind Tomaten aus beheizten Treibhäusern im Winter wirklich die nachhaltigste Lösung? 

Auch unser Vegi-Tag gehört dazu. Man kann ihn lieben oder hassen. Ich esse gerne Fleisch, aber dieser Tag zwingt mich dazu, mich auf etwas Neues einzulassen. Gleichzeitig reduziert ein Vegi-Tag den treibhausgasbedingten Ausstoss Lebensmittelbedingt um 50% deutlich und schont weitere Ressourcen. Auch der Wasserverbrauch sinkt drastisch.

Gestaltungselement

„Mein Ziel wäre es, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Nachhaltigkeit ist keine Hype-Erscheinung und wird auch 2035 und darüber hinaus ein Thema bleiben.“

Bei der GEWA bekommen nicht nur Produkte durch Wiederverwertung eine neue Chance, sondern auch Menschen neue Perspektiven. Wie stark hängen diese Gedanken zusammen?

Die beiden Gedanken der Wiederverwertung und der menschlichen Perspektive sind bei der GEWA untrennbar miteinander verbunden. Sie bilden den Kern des Sozialwirtschaftlichen Konzepts. Die Kreislaufwirtschaft von Dingen und die Resozialisierung von Menschen spiegeln dieselben Grundhaltung wider. Für diese tiefe Verbundenheit gibt es mehrere entscheidende Parallelen.

Bei der GEWA geht es darum, Potenziale zu erkennen – bei Menschen genauso wie bei Produkten. Menschen, die durch Krisen oder psychische Herausforderungen aus der Bahn geworfen wurden, erhalten eine neue Chance. Mit den ausgemusterten IT-Geräten, Möbel oder Materialien verfolgen wir einen ähnlichen Grundgedanken: diese werden nicht einfach entsorgt, sondern aufbereitet und wieder nutzbar gemacht. In beiden Fällen steht der Glaube im Zentrum, dass mehr in einem steckt, als vielleicht auf den ersten Blick sichtbar ist.

Wir reden von Chancen und Perspektiven – schlussendlich kommt die Perspektive mit der Chance. Ob die Menschen die Chance dann nutzen, ist sehr individuell. Oft stehen Themen wie Selbstwert und Selbstvertrauen im Mittelpunkt. Erkenntnisse über die langfristige Wirksamkeit unserer Programme sind sehr wichtig, um unsere Angebote weiterzuentwickeln und noch besser auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen. 

 

Wie schafft es die GEWA, sich auf Veränderungen wie KI vorzubereiten und zukunftsfähig aufzustellen? 

Wir begegnen dem Wandel durch eine stabile Unternehmenskultur, die Förderung digitaler Kompetenzen sowie Offenheit und Neugier für Neues. Ein wichtiges Instrument dafür ist das Mehrwertlabor. Dort beschäftigen wir uns mit neuen Geschäftsmodellen und zukünftigen Entwicklungen. Über Netzwerke und den Austausch mit unterschiedlichsten Menschen versuchen wir, neue Ideen zu generieren. Die GEWA beschäftigt rund 1'200 Personen, wodurch sehr viel Wissen zusammenkommt. Dieses Wissen möchten wir nutzen.

Im Mehrwertlabor sind wir deshalb sehr divers aufgestellt, Geschlecht, Ausrichtungen, alles möglichst bunt zusammengewürfelt, nur die Jugend fehlt uns noch etwas. Gemeinsam entwickeln wir Ideen und identifizieren Themenfelder, in denen wir künftig aktiv werden könnten. Vor vielen Jahren wurde in einem Workshop, den ich besuchte, beispielsweise der Beruf des Drohnenpiloten als Zukunftsberuf diskutiert, heute ist er Realität. Genau solche Entwicklungen möchten wir früh erkennen. Deshalb beschäftigen wir uns auch mit neuen Berufsbildern wie Entwickler: in- digitales Business, den wir, zukunftsnah, als Ausbildung anbieten wollen.

 

Stellen wir uns vor, wir reisen zehn Jahre in die Zukunft: Wie hat sich die GEWA weiterentwickelt, und welche Rolle spielst du dabei?

Etwa einen Monat nach meiner Anstellung bei der GEWA wurde mir eben diese Frage bereits gestellt: Mein Ziel wäre es, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Nachhaltigkeit ist keine Hype-Erscheinung und wird auch 2035 und darüber hinaus ein Thema bleiben.

Ich wünsche mir, dass das Thema in der GEWA fest im Bewusstsein der Menschen verankert ist und keine Ausnahmeerscheinung mehr darstellt als selbstverständlicher Teil des Alltags, der automatisch läuft und in der DNA jedes Einzelnen verankert ist. Die Anzahl der Haushaltsartikel, die wir besitzen, hat sich vielleicht um einen Drittel reduziert. Oder wir mieten und teilen mehr, was auch das grosse Thema der Kreislaufwirtschaft ist.

Wenn das gelingt, haben wir als Unternehmen viel richtig gemacht. Das wäre eigentlich mein Ziel. Und Ja, spätestens dann braucht es mich definitiv nicht mehr.

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